Keratokonus
Das Leben mit dem Leiden - und wieso man Behinderungen nicht addieren darf.

1988 musste ich das erste Mal zur Musterung. Damals stellte man fest, dass ich einen "Sehfehler" hätte, auf Grund dessen müsste man mich als T2 mit Einschränkung einstufen. Meines Erachtens konnte ich damals noch Schauen wie ein Adler. Damals lachte ich noch.

1992 stellte man bei einer Nachmusterung fest, dass ich ein Augenleiden hätte, Ich trug zu der Zeit weder Brille noch Kontaktlinsen und konnte es kaum nachvollziehen, was da in 2 Laboratorien von 3 Ärzten versucht wurde zu diagnostizieren. Sie bekamen es nicht hin meine Dioptrinzahl festzulegen, bzw. eine Schärfe fest einzustellen. Bei jeder Messung gab es unterschiedliche Ergebnisse. Ich wurde als T6 ausgemustert. Soweit war es (fast) noch Spaß.

1993 merkte ich selbst, dass ich bei der Arbeit immer schneller ermüdete, dass die Augen angestrengt waren, mir Teile immer wieder verschwammen. Zudem hatte ich immer häufiger schwere Kopfschmerzen. Schon schnell war klar, dass man mit normalen Kontaktlinsen nichts ausrichten konnte. Nach ersten nicht tragbaren Linsen vom Optiker nebenan, wurde ich durch meine Augenärztin zu einem Spezialisten geschickt.

 

Als ich dann 1994 meine ersten maßgefertigten Linsen angepasst bekam, war ich guter Hoffnung wieder normal schauen zu können. Vielmehr nahm ich nach dem ersten Brennen in den Augen eine völlig neue Welt war.

Der Keratokonus war so langsam fortgeschritten, dass ich es selbst nicht mitbekommen hatte. Für mich war meine Sicht "normal". Mit den Linsen erst sah ich, was um mich herum geschah: Die Mitmenschen waren bei weitem nicht so makellos, wie ich bis dahin glauben musste.

Mamor hatte Adern, ebenso wie Blätterwerk an den Bäumen. Alles war so voller Konturen, wie eine fast schon fremdartige Welt, die man mir bis dahin verheimlicht hatte. Ich konnte sehen, wie man mich ansah. Ein Unterschied wie zwischen einem alten 50Hz-Röhren-Fernseher und einem neuheitlichen Plasmafernseher mit HDReady1060, oder wie das heißt. Eine völlig neue Welt. Es war wie OTTO in dem Film 7 Zwerge, als er das erste Mal in den Wald ging und auf Rotkäppchen stieß.

Leider vertrug ich die Linsen nicht auf Dauer. Immer wieder musste umgeschliffen werden, bzw. mit anderen Materialien neu angefangen werden. Doch nie bekam ich eine dauerhafte Verträglichkeit.

Mein damaliger Augenarzt riet mir zu einer Hornhauttransplantation, bei der meine erkrankte Hornhaut durch eine Spenderhaut ersetzt würde. Somit könne sich der Zustand nicht weiter verschlechtern und es wäre eine gewisse Chance vorhanden, dass ich auch ohne Sehhilfe wieder besser sehen könne.

Als die OP im Februar 1997 durchgeführt wurde war ich voller Hoffnung. Doch dann kamen die Hiobsbotschaften. Wo andere nach knapp 2 Wochen wieder arbeiten konnten, wollte bei mir der Abheilungsprozess nicht so recht vorangehen. Es gab zwar keine Abstossungsreaktionen, dennoch musste wegen einer Entzündungsquelle an der Naht, diese neu gelegt werden, und auch trotz der regelmäßigen wöchentlichen Kontrollen wollte das Auge nicht so recht heilen. Dabei wurde das Transplantat beim Nachziehen auch noch leicht wellig - so hatte ich den Eindruck. Jedenfalls war meine Heilung nach zwei vollen Jahren nicht vollzogen. Meine Krankmeldung wurde bis dahin im 2-Wochen-Takt verlängert.

Die Krankenkasse steuert einen nach zwei Jahren Krankheit aus und man kann ab da nur wieder arbeiten gehen, oder sich arbeitslos melden, ob man nun gesund ist - oder nicht. In meiner damaligen Arbeitsstelle rieb man sich die Hände. Ein Mitarbeiter, dessen Arbeitsplatz wegen Umstrukturierung eh hinfällig war, kam nach zwei Jahren zurück.

Mein Chef verkündete: "Herr Fiedler... wir sind hier kein Sozialunternehmen. Wenn Sie zurückkehren wollen, werden wir Sie auf einen Platz setzen, auf dem Sie garantiert versagen! - Oder Sie willigen in einen Aufhebungsvertrag ein!" - Nun, wenn man so nett gebeten wird... Ich handelte via Rechtsanwalt und Betriebsrat noch die höchste freie Abfindung aus und ging.

Es gab Tage, an denen ich an dieser Zustimmung zweifelte. Ich hätte mich der Herausforderung stellen sollen. Aber dann hörte ich in den Nachrichten wenige Jahre später von der Auflösung der Zentrale, dass es vielleicht Glück im Unglück war, denn fast alle mussten damals kurz nach mir ihren Hut nehmen.

Also war ich arbeitslos und nach wie vor erkrankt. Ein erster Antrag auf den Behinderungsschein wurde abgelehnt. Ich gab mich diesem machtlosen Gefühl ein wenig zu weit hin, bis mir Ende 1999 ein Freund liebevoll in den Hintern trat, damit ich selbigen wieder hochbekam.

Anfangs arbeite ich bei einer Zeitarbeitsfirma Rehbein in Hamburg, für die ich Handlanger auf einer Baustelle war, dann wurde ich von einem Deckeninstallateur angeworben. Und so ging es mit wechselnden Zeitarbeitsfirmen und Hilfsarbeiten weiter: Früchte sortieren, Abwäscher, Baustellenreinigung, Müllabholer, bis ich mir schließlich und endlich auch wieder Büroarbeiten zutraute.

Bei einer internen ärztlichen Augenprüfung bei Randstad wollte mich der Arzt nur unter der Bedingung nicht bei Randstad melden, wenn ich meine Augen laufend kontrollieren lasse. Leider bekam man aber trotzdem vom Zustand meiner Augen mit und entließ mich.

Zwischenzeitlich versuchte mein Arzt wegen der Nichtverträglichkeit der Linsen irgend etwas mit einer Brille und Prismen in der Sehschule hinzubekommen. Die Versuchsbrille wird dabei mit verschiedenen Prismafolien beklebt, welche die Blickrichtung in eine bestimmte Richtung beeinflussen sollten. Aber nach gut zwei Monaten gaben wir die Versuche auf, da ich den Alice-im-Wunderland-Effekt nicht durchstand. Wie das aussieht?

Nun, alle Rahmen, Türen, Fenster waren völlig unsymetrisch, links größer als rechts, oben breiter als unten. Wenn so ein Bild still bleiben würde, hätte man sich vielleicht daran gewöhnen können. Aber wenn ich durch den Raum schaute, veränderten sich diese Gegebenheiten ständig, als wären alle Räumlichkeiten lebendig. Manch einer hätte da vermutlich regurgitiert. Die Chancen auf eine Brille mit ausreichender Sehkraft waren somit dahin.

Um mir wenigstens im Lesebereich helfen zu können, fertigte man mir eine Brille, die mich nur auf dem operierten Auge sehtechnisch unterstützt und das rechte (bis dahin noch bessere) Auge nur geringfügig verstärkt, um eben nicht den Wankeleffekt zu haben. Diese Brille konnte ich ausschließlich zum Lesen benutzen. Sobald ich sie auf der Nase vergaß und damit in die Gegend schaute wurde mir schlecht.

Bei einer Arbeitstauglichkeitsprüfung durch das Arbeitsamt wurde mir bescheinigt, ich wäre für Büroarbeiten nicht mehr voll einsetzbar. Man solle mich als Lageristen oder für einfache Tätigkeiten einstufen. Trotzdem wurde ich als durch Behinderung "schwer vermittelbar" in die Schublade gepackt.

Es folgte mein zweiter Anlauf auf den Behindertenschein, welcher wiederum abgelehnt wurde. Zwar gestand man mir einen GDB von 40 zu, aber dass sind 10 zuwenig für jegliche Merkzeichen. man könne nicht Augenleiden, Ohrenleiden mit Migräne und letztlich sogar depressive Entwicklungen in Verbindung bringen und einfach addieren. Man könne nur die Augen als höchste Beeinträchtigung anrechnen und da wären auf Grund des Gutachtens nur 40% drin. In meiner Wut hatte ich soviel Energie zurückgewonnen, dass ich mir selbst beweisen wollte: "ICH BIN NICHT BEHINDERT!"

Neben weiterer Zeitarbeit, was für ein Witz - diesmal für Manpower, besuchte ich zweimal wöchentlich die Abendschule, um mich zum Netzadministrator weiterzubilden. Nach bestandener Prüfung hätte ich ein IHK-Zertifkat mit dem sich was anfangen liesse. Ich bekam mein Jodel-Diplom Ende 2000 und ich dachte wirklich mir würden sich neue Arbeitswelten erschliessen.

So nutzte ich die Chance eines Franchiseunternehmens, welches mich als fliegenden PC-Notdienst losschicken wollte. Seitens des Arbeitsamtes bekam ich Übergangsgeld und schon war ich selbstständig. Leider war die ganze Geschichte nicht wie geplant finanzierbar über die Investionsbank. Auch meine Hausbank schüttelte den Kopf, da an dem veranschlagten Kreditbedarf von 8.000 Euro "nichts zu verdienen sei, wie Förderungsfähig das Projekt selbst auch sei." Witzigerweise hätte die gleiche Bank mir sofort 18.000 Euro für den gleichen Zweck gegeben. Aber so war ich raus aus der Sache. Und vor allem war ich schon wieder ohne Einkommen.

Ich fand bei der zuständigen Leiterin von Manpower eine verständige Seele, die meine Einstellung zu meiner "Nichtbehinderung" wohl auch verstand und mir die Chance gab, jene die ich brauchte. Ich war viele Male bei Talkline in Elmshorn in den verschiedensten Abteilungen, war drei Jahre hintereinander bei Hawesko im Weihnachtsgeschäft tätig, habe mich behauptet. Aber dann ging die Leiterin fort und ich wurde einem neuen Leiter zugewiesen.

Dann hatte ich einen Wegeunfall, bei dem ich mit meinem Fahrrad in eine offene Baustelle gefahren bin und mich dort derbst überschlug. Man fragte mich natürlich, wie es dazu kam und ich erzählte frei heraus, dass ich der Adler unter den Blinden sei. Wenig später bekam ich eine Einladung der Filialleitung, die mir mitteilte, dass man mich mit einem solchen Augenfehler unmöglich ruhigen Gewissens weiter beschäftigen könnte und beschuldigte mich sogar unter der Hand durch, ich hätte meine Krankheit verschwiegen. Dabei wusste seine Vorgängerin davon, aber was half es. Auch die Tatsache, dass ich dem Unternehmen über vier jahre gute Dienste geleistet hatte, mich viele Manpowerkunden direkt anforderten - war Ihnen nicht Grund genug, mich zu behalten.

Also ging ich. Diesmal mit einem neuen Bewusstsein: Wenn mir das Versorgungsamt sagt, ich sei nicht behindert, aber die Wirtschaft mir mitteilt sie können mich wegen meines Augenleidens nicht beschäftigen, dann muss doch einer "lügen". Zu Gesund für einen Behinderten, aber zu behindert für einen Gesunden? Das war die Frage, die sich mir stellte.

In den Jahren hatte ich schon wieder zwei erfolglose Kontaktlinsen-Anpassungen hinter mir. Selbst ein Kompaktsystem bei dem die benötigten harten Linsen von weichen Huckepack genommen werden sollten, hat nicht funktioniert, weil ich schon auf die weichen Linsen gleich reagierte, wie auf die Harten. Dann gab es noch ein neues Material, welches sehr sauerstoffdurchlässig und deshalb leichter verträglich sein sollte, aber auch hier stellte sich kein Erfolg ein. Die Erklärung war folgende:

Durch die OP-Narbe hat sich eine Treppe in der Hornhaut entwickelt. Die Linse muss entweder sehr flach vor dieser Treppe aufhören, was durch die Beweglichkeit des Auges schwierig ist - oder besonders groß, dass es über die Treppe hinwegreicht. Ebensfalls durch die Beweglichkeit führt dies aber zu zwei bislang auftretenden Effekten: Entweder kippt die Linse über die Treppe, weil die Linse zu flach angelegt ist, oder sie nebelt nach wenigen Stunden durch Bläschenbildung ein, als würde man durch Milchglas schauen. Ergo: Linsen sind und bleiben unverträglich!

Ich wandte mich nun wieder an das Arbeitsamt. Dort sah man die Möglichkeit mich seitens des Arbeitsamtes einem Behinderten gleichzustellen, um mir zumindest was die Arbeit anging ein wenig Hilfestellung zu geben, sofern ich einen Betrieb finden würde, der mich aufnehme.

Zeitgleich bekam ich den Tipp des Blindenvereins, dass Sehgeschädigte auch oft in helfende Berufe wie Masseur oder Phisiotherapeut umgeschult werden würden. Ich besorgte mir die Informationen über allerlei Umschulungsanbieten und fand sogar ein Förderungswerk bei dem man bewusst nur Sehgeschädigte umschulte.

Das Arbeitsamt willigte ein mich beraten zu lassen und durch das BFW Düren feststellen zu lassen, in wie weit ich noch befähigt sei meinem alten Beruf (Büro), oder der gewünschten Helfertätigkeit nachzugehen. das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Zwar zeigte ich durchaus Geschick um weiter im Büro arbeiten zu können, aber meine Begabung läge im Beruf des Masseurs. Die Therapeutin schrieb im Bericht für das Amt den Büroteil als Dreizeiler und fast zwei Seiten über meine wirkliche Befähigung und Neigung.

Aber das Arbeitsamt sah es plötzlich anders. Das Geld sei knapp, über eine Umschulung hätte man nie nachgedacht. Vielmehr würde man mich in meinen alten Beruf (Büro) zurückfördern.

Was sollte ich machen? Also besser den Spatz in der Hand... ging ich, inzwischen schon nur noch von der ARGE gefördert täglich ins BFW Düren, Zweigstelle Hamburg, wo ich Bewerbungstraining zu meinem Beruf machte.

Schließlich bekam ich unglaublich viel positive Resonanz auf meine Bewerbungsflyer, für wie blödsinnig ich die Idee des Flyers am Anfang auch fand und bekam auch drei Vorstellungsgespräche. Die Firma Renders & Partner Hochdruck- und Reinigungssysteme war darunter und war auch nach dem ersten Beschnuppern interessiert an mir. Am 02.01.2005 war der erste Tag meines Praktikums, welches zum 01.06.2005 zu einer Volleinstellung wurde.

Ich hatte hier meine berufliche Familie gefunden, ganz so, wie ich es in meiner Bewerbung mal eingefordert hatte. Wie in jeder Familie gab es natürlich auch hier mal Meinungsverschiedenheiten, aber im Allgemeinen hatte man sich aneinander gewöhnt. Dabei wurde sehr viel Rücksicht auf meine Augen und meine Migräneanfälle genommen. Tageweise fiel ich gerade auf Grund der Kopfschmerzen und der Migräne ganz aus.


Als ich wegen meines Ohrenleidens im Frühjahr 2007 mein zweites Titanimplantat bekam fiel ich sogar wochenweise ganz aus. Die Ausfälle wurden hingenommen. Nur mir selbst ging es damit nicht gut. Die ständigen Ausfälle zehrten an meinen Nerven. Ich wollte mehr leisten und wurde laufend durch mich selbst schachmatt gesetzt.

Diese Tendenz war leider seit Jahren steigend. Immer häufiger schaffte ich es zwar bis in die Firma, war dann aber oft über Stunden nicht ansprechbar, weil ich aus leichten Kopfschmerzen plötzlich Migräne wurde. Ein vermutlicher Auslöser war sicher auch die konzentrierte Bildschirmarbeit. Aber ich beherrschte nun mal nichts anderes so gut wie das. Im Gegenteil!

Im März 2010 passierte es dann. Ich bekam in einer Mischung aus Stress und Migräne ein Auge gar nicht mehr auf. Nach Untersuchung des UKE Eppendorf vermutete man, das die Fokusierung beider Augen inzwischen dermassen unterschiedlich sei, dass das Gehirn es nicht mehr schafft, beide Einzelbilder zu einem verwertbaren Bild zusammenzufügen. Nach ein wenig Training gelang es mir, zumindest die Augen zu wechseln, links fürs Lesen, Rechts für die Ferne. Dennoch änderte sich meine Sitzhaltung vor dem PC zunehmend, so dass ich immer gebeugter vor dem Bildschirm saß. Das wurde von der Halswirbelsäule als nicht tragbar angesehen, wodurch ich auch sehr viele Wochen ausfiel.

Bei einer weiteren Arbeitserprobung in Düren war für mich klar, dass es keinen weg mehr zurück ins Büro gab. Der Antrag auf Reha war bereits gestellt und Dank der Mithilfe des BfW, aber auch meiner Sachbearbeiterin im Versorgungsamt, war auch der Behindertenschein jetzt möglich: GDB90. Die Zusage zur Umschulung kam dann so unerwartet, dass ich den Anfangstermin erst einmal verschieben musste. Doch im März 2011 nahm ich Abschied von meiner Heimat, meiner Verlobten und meinen Freunden. In Düren stellen sich die Zukunftsweichen für Masseur oder Physiotherapeut.

Witzigerweise habe ich seit der "Auge-ganz-zu" Geschichte und meinem Ausstieg aus der reinen Arbeitswelt nur etwa eine Handvoll Migräneschübe gehabt, die bis dahin ja schon fast an der Tagesordnung waren.

Viele fragten sich, wie ich überhaupt den ganzen Tag vor dieser Kiste hocken kann und die Antwort ist relativ einfach: Die Welt durch die ich mich hier bewege ist immer auf seine 17"-24" begrenzt, bringt mir selten Überraschungen und ich bewege mich in einer überschaubaren Welt, die ich kenne. Die Sehentfernung ist immer gleich und ändert sich nicht, als würde ich durch die Gegend laufen. Es ist für mich ein entspannenderes Schauen, als würde ich durch die Stadt gehen. Erst auf Fotos von Aktivitäten mit Familie, Firma und Freunden sehe ich, wer so alles mit mir war, wem ich begegnet bin und ob alle gut drauf waren.

Dank der virtuellen Welten kann ich bis zu den Bergen schauen, sehe den Himmel und die Sterne. Eine falsche Trugwelt - aber für mich realer sichtbar als die Realität.

Schon oft tauchte die Frage auf, wieso ich auch Privat so viel am PC hocke. Wenn meine Augen so schlecht wären, müsste ich doch wenigstens in der Freizeit darauf verzichten, um die Augen für die Arbeit zu schonen. Ich sehe es genau umgekehrt. Wenn ich dem Spaß des Computerspielens nicht mehr nachgehen kann, werde ich auch nicht mehr am PC beruflich arbeiten wollen/können. Ich lebe nicht um zu Arbeiten. Ich arbeite um zu Leben. Am PC Spielen ist eines meiner größten Hobbies, dass durch die Arbeit finanziert wird, nicht umgekehrt!

Zudem ist es ein weiter Unterschied, ob ich am PC mit Schrift und Zahlen jonglieren muss - oder eine Spielfigur durch eine virtuelle Welt steuere. Von anderen kommt dann der Spruch: "Ja, aber im wirklichen Leben... - da muss man mal raus... - am PC verblödet man ja nur..."

Auf der Strasse, im Gegensatz zur Bildschirmwelt, muss ich zu 100% gespannt sein, muss mit Unvorgesehem rechnen, einer spiegelnden Sonnenreflexion, einem plötzlich auf die Straße fahrenden Kind, ein hupendes Auto, ein Warnsignal dass ich überhöre und und und... ein Füllhorn an Dingen, die ich wegen der Augen UND der Ohren nicht mitbekomme, die mir meine Außenwelt zu einer unwegsameren Fremdzone machen. Meine Aussenwelt besteht aus zu dunklen und zu hellen Flächen ohne wirkliche Konturen.

Ich bin trotzdem gerne draußen und unter Menschen, nur es ist immer ein Abenteuer für sich. (Um es scherzhaft auszudrücken: die KI ist nicht immer ausgereift, die Steuerung ist in den Kurven mangelhaft und die Grafikengine könnte konturreicher sein! Selbst der insgesamt vielseitige Sound ist mit der dünnen 32kb/s-Abtastung weit unter Standard.)

Und jetzt zum eigentlichen Thema - wie guckt der Typ:

Nehmen Sie Ihre Lieblingssonnenbrille mit raus an einem sonnigen Tag. Haben Sie dann schon mal vergessen, diese noch auf dem Kopf zu haben, und sich gewundert, dass es überall im Haus so dunkel war? Nun, ich brauche dafür keine Sonnenbrille. Wo andere im Dunkeln den Kantstein am Strassenrand noch sehen, stolper ich ihn runter bzw. trete in den Hundehaufen. Für mich ist es also immer um eine Sonnenbrille dunkler.

Sternenhimmel sehe ich im Regelfall nur noch, wenn er im Film oder im Spiel gezeigt wird.

Zum krassem Ausgleich wirken für mich Sonnenlicht oder Scheinwerfer etc. Jene blenden mich so sehr, dass mir zeitweise die Orientierung abhanden kommt. Nebenbei können diese Blendungen Auslöser der Migräne sein. Ich bin also schon ohne Linsen extrem lichtempfindlich und arbeite daher am Liebsten im Halbdunkel.

Verstärkt wird der Blendeffekt bei jedem Linsenversuch, weil hier neben der Sehschärfe auch die Lichtempfindlichkeit steil bergauf geht, so dass ich nicht nur wegen des Fremdkörpergefühls die Augen zusammenkneife, sondern auch wegen der Helligkeit. Das führt zu einem noch eingeschränkertem Blickradius und gibt mir erst recht das Gefühl des Behindertseins. Dabei sollten die Linsen ja eigentlich den umgekehrten Effekt auf mich haben. Ich sollte mich besser damit fühlen und es leichter haben.

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Das Bildschirm-Sehen

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Ich habe versucht einige Effekte in Bildern als DIASHOW festzuhalten. Für diese Bilder habe ich mir eine Grundvorlage gebaut und sie im Folgenden verändert, indem ich beide Augen einzeln getestet habe, gemeinsam und schließlich mit Brille. Der Abstand zu meinem 23"-Röhrenmonitor beträgt dabei ca. 40-50 cm - also schon sehr dicht.

Was sich in den Bildern nicht wiedergeben läßt: Die Unschärfe und die Winkel der Doppelbilder sind nicht, wie bei dem Bild fest an seinem Platz. Die Abstände und Konturen schwimmen. Ebenso gibt es tagesbedingte Schwankungen in der Seeschärfe. Was immer da ist, ist das leichte Farbflimmern am Rand aller Buchstaben (ähnlich der Migräne-Aura, nur noch sehr fein)

ERGO: Dank der Lesebrille wird das linke Auge derart verstärkt, dass es das Sehen fast komplett übernimmt. Nehme ich die Brille ab, übernimmt das rechte Auge die Hauptkontrolle.

BILD 1: Digitales Ausgangsbild
Testen Sie sich doch mal selbst. Alles scharf? SO SOLLTE das Bild aussehen!

BILD 2: linkes Auge ohne Brille
Winkel dreht Bild, Bild stark ausgeblasst, starke Doppelbild-Schweifbildung.

BILD 3: rechtes Auge ohne Brille
Doppelbild in andere Drehrichtung zum Doppelbild des linken Auges.

BILD 4: beide Augen ohne Brille
Das bessere rechte Auge übernimmt die Sicht weitesgehend, wird aber durch das linke stark abgelenkt.

BILD 5: beide Augen mit Brille
Durch die bestmögliche Verschärfung des linken Auges wird das rechte Auge mit nur geringfügiger Sehkorrektur nahezu lahmgelegt. Hier ist der Effekt umgekehrt zum Sehen ohne Brille. Wenn ich zeitweise etwas genauer sehen möchte, muss ich das rechte Auge schliessen, um die Schatten und Doppelbilder zu reduzieren.

Was gut zu sehen ist, ist der Effekt auf den rechten schwarzen Testbildseiten. Wegen meiner Blendempfindlichkeit riet man mir die Bildschirmfarben auf weiße Schrift mit schwarzem Hintergrund zu wechseln. Dennoch ist gut zu sehen, dass bei gleicher Verschiebung des Fehlers auf beiden Testseiten in allen Bildern das Quadrat mit dem Kreuz nicht mehr zu sehen ist, während man es auf den linken hellen Seiten zumindest annährend sehen kann, wenn auch nur undeutlich.

Migräne am Bildschirm

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Die Migräne DIASHOW entstand aus den vielfältigen Erinnerungen heraus. Hier zeige ich unterschiedliche Stufen der Migräne, wie ich sie typischerweise seit über 20 Jahren erleben muß. Ich habe, um die Augen des Betrachters nicht über Gebühr zu belasten, meinen Augenschaden nicht zusätzlich angezeigt. Wer gerne eine Vorstellung von meinem Sehverhalten inkl. Migräne hätte, müsste sich beide Extreme übereinander legen. Ich wünsche fröhliches regurgitieren.

BILD 1: Digitales Bild
So sehen Sie das Bild hoffentlich, wenn alles okay ist.

BILD 2: Migräne-Phase 1 - Aufkommende Aura (1.-15. Min.)
Alle Zeichen erhalten einen stärker werdenden Flimmerrand, der den Doppelbildern ähnlich rechts unterhalb der Zeichen pulsiert. Dabei ist der Rand des Doppelbildes leicht gezackt, unruhig und schimmert in allen Farben. (SIEHE AUCH EFFEKT IM VIDEO). Im Kopf, oberhalb der Schläfe gibt es einen stechenden Schmerz, kurz, nicht lang anhaltend.

BILD 3: Migräne-Phase 2 - Überkommende Aura (10.-30. Min.)

Das Flimmern greift sich das gesamte Sichtfeld. Alles flimmert unregelmäßig in farbigen Linien und es läßt sich immer schwerer etwas am Bildschirm erkennen/lesen. Dem Kopf geht es bis hier noch weitesgehend gut. das kurze Stechen hört manchmal sogar auf.

BILD 4: Migräne-Phase 3 - Der tote Punkt (15. Min - 3. Std.)

Wie ein RUMMS im Kopf, fangen die Kopfschmerzen donnernd oberhalb der Schläfen an. An fiesen Tagen pulsieren die Augen sogar mit. Das Kern-Sichtfeld, sowie das meisste ausserhalb des Kerns verschwindet im Nichts.

Versuchen Sie im Beispielbild auf den roten Punkt in der Mitte zu sehen. Dies ist der Punkt auf den Sie sich zu konzentrieren versuchen. Sie sehen die Zeichen ringsherum, aber nicht das was sie gerade lesen wollen. Das "K" ist weg. Sie müssten auf das "M" schauen, um das "K" sehen zu können. Natürlich wäre dann das "M" weg.

Migräne-Aura

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Das Video zeigt eine der vielen üblen Launen der Migräne-Aura besser, als ich es selbst basteln könnte. (Schönen Dank an den Einsteller!) Was neben den stroboskopartigen Flimmereffekten, oder Stromlinien - wie ich sie nenne, fehlt, ist hier eigentlich noch der Tode Punkt auf den man schaut. Aber den Effekt stelle ich oben mit meinen eigenen Migräne-Bildern dar.